Natürlich - Tiergerecht

Denn die Natur kennt immer einen Weg

Ehrliche Pferdeausbildung

 22.11.2015

Oftmals gerate ich in Gespräche, gerade in den neuen Medien und Communities, bei denen es um Themen, wie "Ausbinder, Schlaufzügel" oder sonstige Hilfsmitteln geht.

Ich gerate dabei oft in sehr rege Diskussionen und immer wieder bekomme ich die Frage, weshalb ich gegen all die Hilfsmittel bin.

Dabei gibt es für mich ganz einfache Gründe.

Der erste ist für mich eher ein psychologischer Grund. Ich möchte hierbei keine Vermenschlichung der Pferde erreichen, jedoch gerne daraufhinweisen, dass auch Pferde ein lernendes Bewusstsein besitzen.

Als Beispiel möchte ich jedoch Euch fragen, wie Ihr Dinge "gelernt" habt.

Waren es Hilfestellungen Eurer Eltern, Tipps, Tricks, Erklärungen. Habt Ihr nicht auch öfter gefragt "Warum?".

Auch Pferde fragen sich das. Vor allem ein Pferd als Fluchttier frägt sich zB. weshalb es den Reiter auf den Rücken dulden soll. Möchte dieser ihm etwas Böses?

Denken wie ein Fluchttier....


Nein, ein Pferd frägt sich schon, ob es sich wirklich aufhalftern lassen soll, dem Menschen, "dem Raubtier" zu folgen. Ihm die Hufe zu geben und somit die Möglichkeit wegzurennen.

Es fängt bei diesen kleinen Dingen an. Für uns teilweise schon eine Selbstverständlichkeit. Die wenigsten bilden Ihre Pferde von Beginn an selbst aus und die wenigsten der heutigen Fohlen dürfen lange genug "Pferd sein" um wirklich große Instinkte zu entwickeln.

Artax hat mir all das gelehrt. Durch seine unglaubliche Panik vor dem Menschen, hat auch er mir gezeigt, was es heißt, ein Pferd "aufzuhalftern". Aber erst recht, ihn reiten zu dürfen.

"Hilfsmittel" - sollten keine Einschränkungen hervorrufen


Um nochmals auf die Hilfsmittel zurück zu kommen. Das Pferd wird verschnürt wie ein Paket und im Kreis gejagt. Es wird in eine Haltung gezwungen, kann sich aus dieser nicht befreien und muss im Kreis laufen. Hier beginnt das Kontroverse schon allein in der Tatsache ein Fluchttier im Kreis laufen zu lassen.

JA,für manche Pferde ist auch dies schon eine nicht selbstverständliche Sache.

Deshalb gehört für mich zu einem sogenannten "Horseman" immer das Können zu denken wie ein "Fluchttier". Möge das noch so wahnwitzig klingen. Durch dieses Denkvermögen erklären sich viele "Probleme" die für uns vielleicht nichtig sind, für Dein Partner Pferd jedoch für große Bedeutung!

Hier ist schon der erste Schritt zur Ehrlichkeit.

Zeige ich meinem Pferd, was ich von ihm möchte, oder zwinge ich es dazu, mein Wille einfach zu akzeptieren?

99% der Aktionen führen wir mit unseren Pferden durch, um sie "gesund" nutzen zu können. (Wer hier wiederspricht, lügt). Die anderen 1% wären diese, die wir da sein müssten, dass das Pferd sicher in freier Wildbahn leben könnte.

Was ich damit ausdrücken möchte: Unser Pferd braucht uns nicht!

Ein Pferd ohne Reiter ist immernoch ein Pferd, ein Reiter ohne Pferd ist jedoch blos noch ein Mensch.

Viele wollen diese Worte nun sicherlich nicht lesen, verdrehen nun die Augen, sagen dass ich übertreibe. Aber dafür bin ich bekannt :-)

Nochmals, 99% der Interaktionen mit unserem Pferd, bestehen daraus, um es für uns nutzen zu können. Wieviele davon, versuchen wir unserem Pferd zu erklären und wieviele davon erklären wir uns eigentlich selbst?

Dabei gibt es heute so viele Arten einem Pferd Hilfe zu leisten, sei es positive Bestärkung, Belohnungen, die Frage/Antwort in Zusammenhang mit Druck. (Welche davon nun geeignet ist, ist eine andere Frage). Und immer wieder sehe ich trotzdem Menschen, die ihren jungen Tieren ein Gebiss ins Maul legen, einen Longiergurt um, die Ausbinder einwickeln und los.

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Was bedeutet eine ehrliche Pferdeausbildung?


Eine ehrliche Ausbildung besteht darin, ein Pferd langsam daran zu führen, an das, was wir von ihnen wollen. Das heißt nicht, bei den ersten paar Malen den Ausbinder lockerer zu schnallen. Nein... Die Bewegung von dem Pferd FREI abrufbar machen.

Nehmen wir das Beispiel Longieren. Ziel ist es eine "Stellung" des Pferdes hervorzurufen und somit die einzelnen Muskeln abrufen und trainieren zu können.

Das kann man nun auf die Art, das Pferd auszubinden und in die Stellung zwingen. Sicher, früher oder später, wird das Pferd wie gewünscht laufen, es kann ja nicht anders.

Oder man kann es, durch anfängliches Mitgehen am Kopf des Pferdes, Ausrichten der Kopfhaltung, leichtem Aktivieren der Hinterhand. Aber immer mit der Möglichkeit, eine Reaktion des Pferdes aktiv feststellen zu können. (So können zB. auch sehr schnell Defizite in der Bemuskelung festgestellt werden) Man sieht aktiv, welcher Muskel sich verspannt, geht mit dem Pferd mit, aktiviert vielleicht sogar die einzelnen Muskeln mit der Hand?

Das nur als kleines, sehr kurz gefasstes Beispiel. Tolle Ausbildungsmöglichkeiten sind hier zb. "Der Longenkurs" von Babette Teschen oder "Equikinetic" von Michael Geitner, welche hier super Möglichkeiten bieten, eine "Ehrliche Ausbildung" der Pferde zu vollführen.

Höher, schneller,weiter...


Natürlich muss ich dazu sagen, dauert das mitunter länger... Aber hier kann ich nur meinen Lieblingsspruch anbringen: "Nimm Dir die Zeit die es braucht und es wird weniger Zeit benötigen". Seid ehrlich zu Euch selbst, Ihr schuldet das Euren Tieren!

Die körperliche Arbeit am Pferd, bewirkt immer auch ein Formen des Charakters


Ein weiterer und sicher noch überzeugenderer Punkt ist der PHYSISCHE.

Starre Ausbinder, wie zb. aus Leder ermöglichen eine dauerhafte Anlehnung und damit eine dauerhafte Haltung in dieser Position. Das Entspannen der einzelnen Muskelgruppen ist kaum möglich.

Vergessen wir die Gefahr, die zum Beispiel bei einem sich erschreckendem Pferd ausgehen kann, welches mit Gebiss und Leine verpackt ist und die natürliche Reaktion des "Kopf hochreißens" durchführt.

Gehen wir gleich weiter zu dem Punkt, den ich wieder an Euch selbst richten möchte.

Wenn wir uns in einem Fitnessstudio anmelden, werden wir dort niemals hingehen (SOLLEN!) ohne a) eine Einweisung in die einzelnen Geräte und b) ohne langsames Antrainieren an die Muskulatur.

Das heißt 30min. Dauerhaltung der Muskulatur bei einer durchschnittlichen Longiereinheit. Versucht es mal selbst eine Übung mit 30min, Dauerstemmen eines Gewichts durchzuführen - na? :-) Geht dabei noch im Kreis laufen?

Intervalltraining als entspannende Alternative...


Immer mehr kommt nun auch die Wirkung des Intervalltrainings auf den Markt. Hier gerade Michael Geitners "Equikinetic". Hier läuft ein Pferd bis zu 60 sekunden in Stellung und hat nach jeder Einheit jedoch eine gleichwertige Ruhephase, bei der NICHT auf das Pferd eingewirkt wird.

Hierbei erreicht man eine Gesunde Aktion der Muskulatur, der Muskel kann sich aufbauen UND konditionieren. Es ist und bleibt das Wichtigste bei jedem Training, das ERHOLEN. Der Muskel muss entspannen, neue Energie in den Muskel fließen, sowie Blut. Der Muskel muss warm werden, nur so kann er gesund arbeiten.

Ich sehe Niemanden auf den Longierplätzen, die alle 60 sekunden zu ihrem Pferd rennen und die Ausbinder wieder auswickeln ;-)

Hierzu wären wir wieder bei Punkt 1. Diese Haltung ist eben nur durch eine ehrliche Ausbildung möglich. Wenn das Pferd weiß, was es tun soll, es Schritt für Schritt dorthin geführt wird, so reicht ein Kappzaum und die jeweiligen, minimalen Impulse, um ein Pferd in Stellung zu bringen und ein einfaches Durchatmen um dem Pferd seine Erholung zu bieten.

Hilfsmittel machen es bei genauem Hinsehen nicht immer einfacher...


Sehr oft sehe ich noch dazu ausgebunde Pferde, die zwar optisch auf den ersten Blick schön laufen, doch geht man näher heran, schaut sich die Muskelpartien an, die jeweiligen Paralellen, Senkrechten etc. Hat man hier ein Pferd, dass sich total verwirft. Es entzieht sich aus diesem Zwang, verkrampft sich, strengt die falschen Muskeln an und wartet so, bis es vorbei ist.

Viele der "Laien" und Freizeitreiter, die gerade zu diesen Hilfsmitteln greifen, keinen geschulten Blick um so etwas sehen zu können. Sie bilden dadurch das Pferd in die völlig falsche Richtung aus. Folgen sind spätere Probleme beim Reiten, ein bockiges Pferd das Schmerzen im Rücken hat. Ein Pferd, welches den Hals "dicht" macht, oder ein Pferd, dem es kaum noch möglich ist, auch eine Vorwärts-Abwärts Haltung anzunehmen.

Ich habe hier als Beispiel bewusst das Thema "Longieren" gewält. Es ist am einfachsten zu erklären und eigentlich kennt dies und sollte jeder REITER kennen ;-)

Natürlich gibt es da noch so viele Dinge, die man zur einer "Ehrlichen Ausbildung" beachten sollte, jedoch würden sie den Rahmen sprengen.

Deshalb möchte ich, dass ihr Euch selbst fragt:
Was will ich von meinem Pferd? Was ist mein Ziel? Weshalb möchte ich das von meinem Pferd? Wie setze ich es um?

Wie kann ich das meinem Pferd erklären? Wie könnte es reagieren? Was muss ich noch verbessern?

Und zu guter Letzt: Bin ich ehrlich genug zu mir selbst, um dies von meinem Pferd verlangen zu können?

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